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Warum lassen sich so viele Menschen im Alter scheiden?

Warum lassen sich so viele Menschen im Alter scheiden?

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Wir haben bei unserem Beziehungsexperten, Psychotherapeut Dr. med. Stefan Woinoff, nachgefragt. Das große Interview in 5 Teilen.

Hier stellen wir jede Woche neue Fragen an Dr. Woinoff rund um die Themen Partnersuche, Liebe und Beziehungen und teilen seine Antworten und wertvolle Tipps für alle auf der Suche nach einem neuen Partner oder Partnerin.

 

 

50plus-Treff: Dr. Woinoff warum lassen sich so viele Menschen im Alter scheiden?

 

Seit den 90er Jahren hat sich die Scheidungsrate nach 25 Jahren Ehe fast verdoppelt, das mittlere Scheidungsalter hat sich um 8 Jahre erhöht, auf 44 Jahre bei Frauen und 47 Jahre bei Männern (Statist. Bundesamt). Dafür gibt es mehrere Gründe.

 

Eine Scheidung ist für ältere Menschen heutzutage kein Tabu mehr und da die Lebenserwartung gestiegen ist, hat man jenseits des 50ten Lebensjahres noch mehrere Jahrzehnte vor sich, die man möglichst glücklich verbringen möchte. Da lohnt sich also eine Scheidung noch, wenn man mit dem langjährigen Lebenspartner glaubt, keine gute Zeit mehr verbringen zu können.

 

So wird dann aus der Midlife-Crisis eine „Zweite Pubertät“, in der man sich auslebt und in der auch eine partnerschaftliche Neuorientierung passieren kann.

 

Mit zunehmendem Wohlstand bedeutet eine Scheidung auch nicht mehr unbedingt den finanziellen Abstieg oder Ruin für einen oder beide Partner, immer mehr ältere Paare können sich eine Scheidung leisten, ohne ihren Lebensstandard ändern zu müssen.

 

Gerade wenn die Kinder aus dem Haus sind, stellt sich für viele Paare noch einmal die Beziehungsfrage. Die ursprünglichen Partnerwahlkriterien, die die Familiengründung ermöglichen sollten, haben ihren Sinn erfüllt und stehen jetzt nicht mehr im Vordergrund. So punkten die Familienernährer-Qualitäten des Mannes und die Fruchtbarkeit und Mütterlichkeit der Frau immer weniger und weichen in höherem Alter gerne dem Bedürfnis nach Seelenverwandtschaft und emotionaler Nähe, aber auch dem Wunsch nach Jungendlichkeit, Unternehmungsgeist und geistiger Aufgeschlossenheit. Diesen Wandel der Kriterien, die an den Wunsch-Partner gestellt werden, nehme ich deutlich stärker bei Frauen wahr, während Männer gerne bei den Kriterien der äußerlichen Attraktivität stehen bleiben, die sie dann evtl. in der eigenen Frau nicht mehr erfüllt sehen.

 

Das gefühlte Alter und die gefühlte Jugendlichkeit spielen nach meiner Erfahrung auch eine große Rolle. Man empfindet sich noch als attraktiv und sexy, die Schönheits- und Pharmaindustrie helfen entsprechend dabei, und so möchte man bei dem großen Spiel des Flirtens, der erotischen Anziehung, des Verliebens und der Liebe auch noch im höheren Alter mitspielen. Da kann es dann nicht nur zu erotischen Ausreißern aus dem Eheleben kommen, sondern auch zu Scheidungen und einem neuen Lebensabschnitt als Single oder mit einem neuen Partner bzw. einer neuen Partnerin.

 

 

50plus-Treff: Studien haben gezeigt, dass Einsamkeit die Wahrscheinlichkeit für zahlreiche Krankheiten erhöht. Macht Einsamkeit krank?

 

Ja. Einsamkeit ist sogar der der Killer Nummer 1: Einsamkeit ist statistisch gesehen gefährlicher als alle anderen Risikofaktoren. Nach einer Studie mit 3,4, Millionen Menschen ist Einsamkeit der größte Risikofaktor bei der Berechnung der Sterbewahrscheinlichkeit.

Verschiedene Krankheiten wie Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Lungenleiden, Depressionen, Schlafstörungen und schnellerer kognitiver Abbau im Alter können Folgen von Einsamkeit sein. Wer sich einsam fühlt, leidet unter chronischem Stress mit all seinen schädlichen Konsequenzen. Ein Bericht geht sogar so weit, dass Einsamkeit so krank mache, wie wenn man jeden Tag 15 Zigaretten rauchen würde.

 

 

50plus-Treff: Wenn man auf Partnersuche geht, wie viel Zeit sollte zwischen zwei Beziehungen liegen?

 

Das lässt sich nicht pauschal beantworten, das hängt sehr von der konkreten emotionalen Situation ab. Ich halte nichts davon, dass erst ein angemessener, meist Monate währender psychohygienischer Abstand von der zurückliegenden Beziehung eingehalten werden muss, bevor man sich wieder verlieben kann oder darf. Manchmal gehen Beziehungen direkt ineinander über, manchmal überlappen sie sich auch, manchmal braucht es tatsächlich eine angemessene Verarbeitungs- und Erholungszeit, bis sich das eigene Herz wieder einem neuen Menschen öffnen kann. Das sollte aber jeder und jede selbst für sich herausfinden und entscheiden. Keinesfalls sollte man Liebesgefühle zu einem neuen Menschen unterdrücken, nur weil sie „zu früh“ nach dem Ende einer Beziehung entstanden sind. Das Herz ist ein dynamischer Muskel, und kann sich auch schnell auf neue Situationen einstellen.

 

 

 

Foto: (c) Dr. med. Stefan Woinoff Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

 

Marianna, 30.06.2022