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Dieser Artikel ist zuerst auf focus.de erschienen.
Sie liebt zu sehr, hofft zu lange, bleibt zu oft – und versteht erst mit 55, warum sich ihr Liebesleben wie eine Endlosschleife anfühlt.
Fallbeispiel: "Die Geschichte von Anna" - Ich bin 55 Jahre alt, als ich diesen Gedanken zum ersten Mal wirklich zulasse:
Vielleicht liegt ein roter Faden in meinem Liebesleben. Vielleicht ist es kein Zufall. Ich sage den Satz nicht im Drama, sondern eher leise, fast nüchtern: „Ich glaube, ich hatte noch nie eine wirklich gute Beziehung.“
Dabei bin ich kein Mensch, der im Leben gescheitert wäre. Ich habe eine Tochter großgezogen, habe gearbeitet, Freundschaften gepflegt, mein Leben organisiert. Menschen beschreiben mich als warmherzig, zuverlässig, humorvoll. Männer fühlten sich oft schnell zu mir hingezogen. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – verlief mein Liebesleben wie eine Abfolge ähnlicher Geschichten.
Mit Anfang zwanzig wurde ich schwanger. Der Mann an meiner Seite war zunächst begeistert. Er sprach von Familie, davon, wie sehr er sich auf unser Kind freue, davon, dass wir das gemeinsam schaffen würden. Doch schon während der Schwangerschaft veränderte sich etwas. Er wurde stiller, distanzierter, unzuverlässiger. Nach der Geburt meiner Tochter blieb er nur noch wenige Monate. Dann ging er. Ohne großen Streit. Ohne wirkliche Erklärung.
Zurück blieb ich – mit einem Baby auf dem Arm und der quälenden Frage, was ich falsch gemacht hatte. Ich rappelte mich auf, funktionierte. Ich machte eine Ausbildung, organisierte den Alltag, kümmerte mich um meine Tochter. Und ich verliebte mich wieder. Und wieder. Und wieder. Fast immer begann es ähnlich: intensive Gespräche, Nähe, das Gefühl, endlich gesehen zu werden. Männer sagten Dinge wie:
Und fast immer kam später der Bruch. Die Nachrichten wurden kürzer. Treffen wurden verschoben. Gespräche über Zukunft wurden abgeblockt. Einige Männer begannen, mich geringzuschätzen, machten abfällige Bemerkungen, nahmen meine Zuwendung selbstverständlich hin. Ich blieb trotzdem.
Ich erklärte, ich bemühte mich, ich passte mich an. Ich hoffte. Ich kämpfte. Ich dachte, wenn ich nur geduldig genug sei, verständnisvoll genug, liebenswert genug, dann würde er bleiben. Dann würde sich etwas ändern. Aber am Ende gingen sie doch.
Eine Beziehung sticht bis heute heraus. Ich war Mitte vierzig, als ich einen Mann kennenlernte, der anders war. Er war zugewandt, verbindlich, präsent. Er wollte wirklich mit mir zusammen sein. Er sprach über gemeinsame Zukunft, über Alltag, über das Leben. Und ich spürte etwas, das mich erschreckte: Unruhe.
Ich begann, mich eingeengt zu fühlen. Ich suchte Fehler. Ich spürte eine innere Leere, wo ich doch eigentlich glücklich hätte sein können. Damals sagte ich: „Es fehlt etwas.“ Heute weiß ich: Es fehlte nicht die Liebe. Es fehlte die Spannung, das Hoffen, das Bangen, dieses emotionale Auf und Ab, das ich offenbar für Liebe hielt.
Ich war es, die diese Beziehung beendete. Erst viel später begann ich, einen Zusammenhang zu sehen. Und der führte mich zurück in meine Kindheit – zu meinem Vater.
Mein Vater war ein schwieriger Mensch. Egozentrisch, launisch, emotional wechselhaft. Es gab Momente, in denen er liebevoll war: Er spielte mit mir, machte Witze, brachte mir kleine Geschenke, ließ mich glauben, ich sei etwas Besonderes.
Und dann gab es die anderen Zeiten: Kälte, Desinteresse, scharfe Worte, Ignoranz. Ich wusste nie, welche Version von ihm mir begegnen würde.
Als ich acht Jahre alt war, verließ er unsere Familie. Der Kontakt riss nicht ganz ab, aber er blieb widersprüchlich. Mal suchte er meine Nähe, mal stieß er mich weg. Und ich – das Kind – hoffte immer wieder, dass ich es diesmal schaffen würde, dass er mich endlich wirklich liebte.
Psychodynamische Erklärung: Wenn alte Muster neue Beziehungen steuern
Aus psychodynamischer Sicht sind Liebesbeziehungen selten „Zufall“. Vielmehr suchen wir – meist unbewusst – nach dem, was uns vertraut ist. Auch dann, wenn es schmerzhaft war.
Anna hat früh gelernt: Liebe ist unberechenbar. Nähe kann plötzlich entzogen werden. Ich muss mich anstrengen, um geliebt zu werden. Wenn ich nur genug gebe, bleibt der andere vielleicht.
Dieses innere Beziehungsskript – oft als Bindungsmuster oder innere Arbeitsmodelle bezeichnet – entstand in der Beziehung zum Vater. Das Kind Anna erlebte einen Vater, der emotional wechselhaft war: manchmal liebevoll, manchmal zurückweisend. Solche Erfahrungen prägen tief. Sie erzeugen eine besondere Form von Bindung: eine Mischung aus Sehnsucht und Unsicherheit, aus Hoffnung und Angst.
Später in Liebesbeziehungen wiederholt sich dieses Muster als Übertragungsreaktion: Unbewusst wird der Partner zu einer Projektionsfläche für alte Gefühle. Männer, die emotional nicht ganz verfügbar sind, die ambivalent reagieren, die Nähe geben und wieder entziehen, fühlen sich für Anna „vertraut“ an. Nicht, weil sie gut tun – sondern weil sie dem alten inneren Bild von Liebe entsprechen.
Das erklärt auch, warum sie den verlässlichen Mann als „langweilig“ erlebte. Psychologisch betrachtet fehlte hier nicht die Liebe – sondern das alte emotionale Drama. Die Beziehung fühlte sich ungewohnt an, fast fremd. Stabilität kann für Menschen mit solchen Beziehungserfahrungen zunächst Unsicherheit auslösen, weil das Nervensystem an Spannung gewöhnt ist.
Viele Betroffene versuchen unbewusst, in späteren Beziehungen das alte Defizit zu „heilen“: Wenn dieser emotional distanzierte Mann mich endlich wirklich liebt, dann ist der alte Schmerz überwunden. Doch dieses innere Drehbuch geht fast immer schief – weil die Partnerwahl selbst bereits vom alten Muster gesteuert ist.
Der Ausweg: Bewusstheit, Klarheit und innere Arbeit
Die gute Nachricht: Beziehungsmuster sind nicht unveränderlich. Aber sie verändern sich nicht allein durch Hoffnung – sondern durch Bewusstheit und innere Arbeit.
Ein zentraler Schritt besteht darin, die eigene Dynamik ehrlich zu erkennen:
Ein wichtiger praktischer Aspekt ist dabei auch Kommunikation und Selbstpositionierung: Wer eine feste Beziehung möchte, sollte dies klar und frühzeitig sagen. Nicht fordernd, sondern ehrlich. Wer Verbindlichkeit sucht, darf sich nicht auf „halbe Sachen“, Unklarheiten oder emotionale Spielchen einlassen – in der Hoffnung, dass der andere sich irgendwann doch entscheidet.
Denn wer die eigenen Bedürfnisse ständig zurückstellt, sendet unbewusst eine Botschaft:
Und genau solche Dynamiken ziehen oft Menschen an, die selbst nicht bindungsbereit sind. Doch reine Verhaltensänderung reicht oft nicht aus, wenn die Wurzeln tief in der Kindheit liegen. Deshalb ist es häufig hilfreich, die alte Vaterbeziehung therapeutisch zu bearbeiten. Nicht, um Schuld zu verteilen, sondern um innere Klarheit zu gewinnen:
Erst wenn diese inneren Sätze wirklich emotional verankert sind, verändert sich auch die Partnerwahl. Dann fühlen sich plötzlich andere Menschen anziehend an: solche, die präsent sind, emotional verfügbar, verbindlich. Und das, was früher „langweilig“ wirkte, fühlt sich auf einmal wie Sicherheit an.
Schlussgedanke
Annas Geschichte steht für viele Frauen – und Männer. Für Menschen, die immer wieder an ähnliche Partner geraten und sich irgendwann fragen, ob mit ihnen selbst etwas nicht stimmt.
Die Antwort ist: Nein.
Aber es gibt eine innere Geschichte, die verstanden werden will. Wer beginnt, diese Geschichte zu erkennen, zu fühlen und zu verändern, hat eine echte Chance, aus alten Mustern auszusteigen. Nicht durch perfekte Partner – sondern durch eine neue Beziehung zu sich selbst. Und manchmal beginnt diese neue Geschichte genau mit einem einzigen, mutigen Satz:
„Ich will keine halbe Liebe mehr.“
Unser Author: Dr. med. Stefan Woinoff ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in München. Als Psychodramatherapeut, Autor und Beziehungsexperte bei 50plus-Treff begleitet er Menschen in Einzel-, Paar- und Gruppentherapien. Er ist Teil des Focus.de Experts Circle.
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Redaktion, 19.02.2026